Roland Willi: „Die ‘heisse Phase’ für die Praxisnachfolge beginnt ein Jahr vor der geplanten Übergabe“

Roland Willi: „Die ‘heisse Phase’ für die Praxisnachfolge beginnt ein Jahr vor der geplanten Übergabe“

Roland Willi, 62-jährig (Bild), ist seit 23 Jahren Inhaber der Mediscan Unternehmensberatung für Ärzte, Küssnacht am Rigi (Link). Vorher war er 13 Jahre Ärztebetreuer von Pharmaunternehmen. Dabei gewann er einen tiefen Einblick in die Tätigkeit von Ärztinnen und Ärzten. Heute ist er namentlich in der Nachfolgeregelung und dem Aufbau von Arztpraxen tätig. Er nutzt dafür ein sorgfältig aufgebautes Netzwerk von spezialisierten Partnern aus den Bereichen Treuhand, Versicherung, Pharma, Labor, Abrechnung und Informationstechnologie. Als Projektkoordinator zieht er bei jeder Praxisnachfolge und bei jedem Praxisaufbau wie ein Allgemeinpraktiker nach der ersten Diagnose die notwendigen Spezialisten bei.

Roland Willi, wie hat sich der Markt für den Verkauf und die Übernahme von Arztpraxen in den letzten Jahren entwickelt?
Roland Willi: Ich habe vor 15 Jahren mit der Vermittlung von Arztpraxen angefangen. Im Vergleich zu meinen ersten Jahren in diesem Markt mischen heute viel mehr verschiedene Akteure mit – und deren Zahl nimmt immer noch zu. Neben den Krankenkassen treten allerlei private Investoren auf. Diese streben an, in der gegenwärtig schwierigen Marktsituation mit vielen älteren verkaufswilligen Ärztinnen und Ärzten günstig an Praxen zu kommen. Mit einem durchgerechneten Geschäftsmodell werden die vorteilhaft erworbenen Praxen oft mit angestellten Ärzten aus dem Ausland betrieben. Diese Praxen leiden dann häufig unter einem erhöhten Arztwechsel. Das schmälert die Qualität der Betreuung, insbesondere von älteren Patientinnen und Patienten. Dass diese Investoren vermehrt zum Zug kommen, deutet auf die derzeitige Schwierigkeit hin, für seine Arztpraxis eine «normale» Nachfolgerin oder einen «normalen» Nachfolger aus der Schweiz zu finden.

Wann sollte eine Ärztin oder ein Arzt im Hinblick auf die Nachfolge tätig werden?
Roland Willi: Das gibt es zumindest drei Aktionsfelder: Wer bei der Nachfolge von den mannigfaltigen Vorteilen einer Praxisaktiengesellschaft profitieren will, muss diese mindesten fünf Jahre vor dem Nachfolgegeschäft gründen. Denn bis fünf Jahre nach der Umwandlung der Praxis in eine Aktiengesellschaft dürfen die Aktien nicht verkauft werden. Erfolgt der Verkauf vor dieser fünfjährigen Sperrfrist, müssen die bislang steuerneutral überführten stillen Reserven versteuert und mit der AHV abgerechnet werden. Das kann ziemlich teuer werden und fällt weg, wenn die Aktiengesellschaft rechtzeitig gegründet wird. Zweitens sollte sich eine zukünftige Praxisverkäuferin oder ein zukünftiger Praxisverkäufer rechtzeitig darüber informieren, welche Möglichkeiten ihm der gegenwärtige Markt für den Verkauf seiner Arztpraxis zu bieten vermag. Drittens: Mit der «heissen» Phase der Nachfolgeplanung und damit dem Beizug eines erfahrenden Praxisvermittlers sollte rund ein Jahr vor der geplanten Praxisübergabe gestartet werden.

Nur ein Jahr, ist das nicht viel zu kurz?
Roland Willi: Es stimmt, auf den ersten Blick mag eine einjährige Planungsdauer für das grosse Lebensgeschäft von Praxisinhabern als viel zu kurz erscheinen. Zumal die Zahl der Schweizer Interessentinnen und Interessenten für eine Praxisübernahme klein ist und auch das Interesse aus dem Ausland nicht mehr überbordet. Aus Angst, keine Nachfolgerin oder keinen Nachfolger zu finden, kommen deshalb viele Ärztinnen und Ärzte bereits zwei bis drei Jahre vor der geplanten Praxisaufgabe zu uns. Eine so lange Suchperiode widerspricht jedoch den Marktgegebenheiten. Denn die eine Praxis suchenden Ärztinnen und Ärzte sehen sich überwiegend höchstens ein Jahr, meist aber noch kurzfristiger vor dem vorgesehenen Übernahmezeitpunkt ernsthaft nach ihrer neuen Wirkungsstätte um. Kommt dazu: Trotz des geschrumpften Interesses aus dem Ausland stammen nach wie vor viele potenzielle Praxisübernehmer aus Deutschland. Diese müssen ihre Praxis oft zuerst verkaufen, was auch in Deutschland nicht leicht ist. Das heisst: Eine Praxisverkäuferin oder ein Praxisverkäufer muss flexibel und bereit sein, seine Praxis allenfalls etwas früher oder etwas später abzugeben als ursprünglich geplant.

Wie sucht eine Schweizer Ärztin oder ein Schweizer Arzt am besten eine Praxis?
Roland Willi: Zuerst gibt es da einmal die entsprechenden Zeitschriften und Webportale für Ärztinnen und Ärzte mit Angeboten für den Verkauf von Arztpraxen. Das Finden ist da relativ einfach, da ja aktuell viele Praxen eine Nachfolge suchen. Aber: Ärztinnen und Ärzte sind spitze in den medizinischen Kenntnissen, haben jedoch oft keine tiefere betriebswirtschaftliche Ausbildung genossen. Ohne solche Kenntnisse ist es kaum möglich, für eine Arztpraxis den angemessenen Preis zu finden. Dafür sollte eine erfahrene Fachperson beigezogen werden.

Was machen Sie, wenn die Wahl auf Sie fällt?
Roland Willi: Wenn die Wahl auf uns fällt, prüfen wir die Praxis auf Herz und Nieren. Schwachstellen werden aufgedeckt, Stärken und das Potenzial hervorgehoben. Wir unterstützen die praxissuchenden Ärztinnen und Ärzte alsdann namentlich bei der Festlegung des fairen Preises. Allzu oft werden Praxen eindeutig zu teuer angeboten. Das Angebot an Praxen ist im historischen Vergleich recht hoch, was aufgrund der ökonomischen Gesetzen auf die Marktpreise drückt. Bei der Preisfestsetzung stehen wir auf der Suche nach dem angemessenen Preis in der Mitte zwischen dem Käufer und dem Verkäufer. Ziel ist es, den für beide Seiten fairen und marktgerechten Preis zu finden.

Wie steht es mit der Finanzierung?
Roland Willi: Zu unseren Aufgaben zählt es, für die Käuferin oder den Käufer die bestmögliche Finanzierung zu organisieren. Auch deshalb ist es unser Anliegen, den fairen und marktgerechten Preis zu finden. Denn ist der Preis aus der Sicht der Ertragskraft der Praxis überhöht, kann die Käuferin oder der der Käufer allenfalls in Finanzierungsschwierigkeiten geraten – was wir ja vermeiden wollen.

Wie machen die Banken bei der Finanzierung mit?
Roland Willi: Wegen des erheblichen Finanzrisikos bei zu übernehmenden und natürlich auch bei neu zu gründenden Arztpraxen schauen die Banken bei der Fremdfinanzierung ganz genau hin. Speziell bei Neugründungen gibt es strenge Eigenmittelvorschriften. Das hält dann etliche junge Ärztinnen und Ärzte davon ab, den Alleingang in die Selbständigkeit zu wagen. Deshalb wird immer öfter auf Gemeinschaftspraxen gesetzt.

Gibt es denn heute einen Trend zur Gemeinschaftspraxis?
Roland Willi: Ja, namentlich bei den jungen Ärztinnen und Ärzten geht der Trend eindeutig vermehrt in Richtung Gemeinschaftspraxis. Wer nahe am Markt ist, kann dabei allerdings etwas nicht übersehen: Etlichen Ärztinnen und Ärzten bereitet es offenbar Schwierigkeiten, im Team zu arbeiten und in Praxisbelangen keine alleinigen Entscheide treffen zu können. Es gibt daher trotz des erhöhten finanziellen Risikos vereinzelte Rückkehrerinnen und Rückkehrer zur Einzelpraxis. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Ärzte und vor allem Ärztinnen, die keinen grossen Drang zur selbstständigen Tätigkeit mit dem damit verbundenen finanziellen Risiko haben. Sie lassen sich lieber – und oft gerne in individuell gestaltbarer Teilzeit – von den vielerorts aufkommenden ärztlichen Institutionen anstellen. Das hat Auswirkungen auf unsere Tätigkeit: Wir betreuen und beraten zunehmend Praxiszentren und Gruppenpraxen beim Aufbau und der zielgerechten Organisation.

Wie erleben Sie die vielbeschriebene Überalterung der Allgemeinpraktiker in den ländlichen Gebieten?
Roland Willi: Das ist ein echtes Problem im Bereich der erstklassigen flächendeckenden ärztlichen Versorgung, wie sie den Einwohnern eines hochentwickelten Landes wie der Schweiz zusteht. Mehr und mehr kommen Gemeindebehörden mit der Bitte auf uns zu, sie bei der Suche nach einem Nachfolger für einen in Pension gehenden Dorfarzt zu unterstützen – oder alternative Möglichkeiten für die ärztliche Erstversorgung aufzuzeigen.

Weshalb gibt es denn eigentlich in der Schweiz zu wenig junge Hausärztinnen und Hausärzte?
Roland Willi: Ein wichtiger Grund für den Mangel an jungen Schweizer Hausärztinnen und Hausärzte ist natürlich der Numerus Clausus bei der Ärzteausbildung: Die reiche Schweiz setzt da ganz vorsätzlich offenbar lieber auf die Inanspruchnahme des «Outputs» von ausländischen Ausbildungskapazitäten. Weitere Gründe sind der Drang zur geregelten Teilzeitbeschäftigung im ärztlichen Beruf, namentlich auf der weiblichen Seite, die Überhäufung der Hausärztinnen und Hausärzte mit administrativen Aufgaben sowie der Einkommensunterschied gegenüber hochbezahlten Spezialisten. All diesem Gegenwind in der ärztlichen Grundversorgung durch Schweizer Ärztinnen und Ärzte wirksam entgegenzutreten, wird innovative Ansätze und vor allem viel Zeit brauchen. Bis es soweit ist, werden wohl noch etliche Gemeinden mit der Bitte auf uns zukommen, das Dorfarztproblem wirksam zu lösen.