Die «Aargauer Zeitung» berichtet: «Krankenkassen, Spitäler und finanzstarke Investoren werden wohl mehr als 100 Gruppenpraxen bauen»

Die «Aargauer Zeitung» berichtet: «Krankenkassen, Spitäler und finanzstarke Investoren werden wohl mehr als 100 Gruppenpraxen bauen»

Unter dem Titel «Immer mehr Hausärzte eröffnen eine Gruppenpraxis – die Zeche zahlen wir» (Link) beschreibt die «Aargauer Zeitung» den kommenden Boom von Gruppenpraxen. Unter den Investoren sind Gruppenpraxennetze, Krankenkassen, Spitäler und auch branchenfremde Unternehmen.

Industrialisierung der Hausarztmedizin

Die Hausarztmedizin wird industrialisiert. Die Zahl der Ärzte in Einzelpraxen schrumpfte zwischen 2008 und 2014 um 6,4 auf 57,2 Prozent. Dafür erhöhte sich die Zahl der in Gruppenpraxen tätigen Mediziner. Der Trend vom Einzelkämpfer zum Teamplayer wird sich weiter akzentuieren. «In den nächsten fünf Jahren dürften schweizweit mehr als 100 Gruppenpraxen eröffnet werden», sagt Felix Huber von der Plattform für innovative Ärztenetze mediX: «Das entspricht einem Investitionsvolumen von mehreren 100 Millionen Franken.»

Eine Milliarde Franken für die ambulante Grundversorgung

Laut Schätzungen könnten in den nächsten fünf Jahren mehr als eine Milliarde Franken in die ambulante Grundversorgung investiert werden. Ein Teil der neu geschaffenen Versorgungsstrukturen werde bestehende Einzelpraxen ersetzen. Der Gesundheitsökonom Willy Oggier hält dies für realistisch: «Es wird einen grossen Wachstumsschub geben. Die Nachfrage dafür ist vorhanden.» Das gilt vor allem für grosse Agglomerationen. Daher gehe die Konzentration auf Gruppenpraxen zu Lasten der Randregionen, wo es in Zukunft schwierig werde, die medizinische Grundversorgung aufrechtzuerhalten.

Jahresmiete von neun Millionen Franken

Der Bau einer grösseren Gruppenpraxis kostet zwei bis drei Millionen Franken. Ein Klacks gegen das, was das Zürcher Universitätsspital (USZ) am Flughafen in Kloten plant. Auf 10’000 Quadratmetern entsteht ein ambulantes Gesundheitszentrum, das 24 Stunden geöffnet ist. Das «Circle»-Projekt schafft gemäss USZ-Sprecher Gregor Lüthy «den dringend benötigten Raum», der in Zürich fehlt. Der alte Standort muss erneuert werden. Zudem will das USZ laut Spitalrats-Präsident Martin Waser auch wachsen: «Mindestens so viel wie der Markt, eigentlich ein wenig mehr. Stärken wollen wir uns vor allem im ambulatorischen Bereich.»

Spitäler investieren in Gruppenpraxen

Damit ist das USZ in bester Gesellschaft. Insbesondere Spitäler investieren in Gruppenpraxen, um so Patienten akquirieren zu können, die stationär behandelt werden können. Gemäss Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+, entwickelten Kliniken landesweit mit Hausärzten neue Kooperationsmodelle für den Notfalldienst. Sie leisteten diesen so planbar und zu festen Zeiten im Spital. Zur Entlastung der Notfallstationen hätten Spitäler teilweise auch selbst erste Anlaufstellen aufgebaut.

Integrierte Versorgungsnetze

Das gilt für öffentliche wie private Kliniken. Die Hirslanden-Gruppe besitzt vier Gruppenpraxen. Weitere dürften folgen. Die neueste in Düdingen FR kostete sieben Millionen Franken – ein Teil davon berappte die Gemeinde. Neun Ärzte und zwölf weitere medizinische Fachpersonen arbeiten dort. Die Praxis verfügt über ein Radiologieinstitut. Spezialisten halten Sprechstunden ab. «Integrierte Versorgung» nennt man das. So ist das Praxiszentrum am Bahnhof Luzern laut einer Hirslanden-Sprecherin die erste Anlaufstelle für ambulante Behandlungen und damit das «Eintrittstor für das Versorgungsnetzwerk» in der Innerschweiz. Patienten, die stationär operiert werden müssen, können den Hirslanden-Kliniken St. Anna in Luzern oder Meggen zugewiesen werden.

200’000 CHF Jahreslohn plus Bonus für einen qualifizierten Arzt

Weil es ein Überangebot an Gruppenpraxen geben wird, entbrennt ein Kampf um die Ärzte, die sie betreiben. Die fehlen. Auch daher ist eine Anstellung lukrativ. Ein qualifizierter Arzt verdiene 200’000 Franken «plus eventuell einen Bonus» pro Jahr, sagt Felix Huber von mediX: «Trotz solchen Löhnen lässt sich mit gut funktionierenden Gruppenpraxen eine Umsatzrendite von fünf bis zehn Prozent erzielen.»

Branchenfremde Investoren und Krankenkassen

Daher investieren zunehmend branchenfremde Investoren in die ambulante Grundversorgung. Mehr Praxen wollen aber auch die Krankenversicherer. Sie gründeten solche einst, um ihren Grundversicherten Managed-Care-Modelle anbieten können. Wer im Fall einer Erkrankung zuerst seinen Hausarzt oder eine Gruppenpraxis aufsucht, hilft mit, Kosten zu sparen. Dafür erhält er einen Rabatt von bis zu 25 Prozent auf der Grundversicherung. Davon profitieren heute mehr als 60 Prozent der Bevölkerung. Auch das macht Gruppenpraxen attraktiv.